Geschlechtsorgane sind eine wundervolle, vielfältige Geschichte. Und vielleicht sogar voller Geschichten. Und damit meine ich die Geschlechtsorgane aller Geschlechter. Aber ein Teil von ihnen bekommt häufig nicht die Wertschätzung, die ihnen zusteht. Die Vagina ist mehr als “die Scheide für das Schwert des Mannes”, ein mittelalterliches Bild, das bis heute – mehr oder weniger bewusst – verwendet wird. Und niemand muss sich der Schamlippen schämen (weshalb ich sie auch lieber “Vulvalippen” nenne).

Und erst recht nicht der Menstruation, denn sie zeigt, dass Leben entstehen kann: was für ein unglaubliches Wunder! Ja, manchen tut sie weh (oft ändert sich das durch andere Periodenprodukte, lass uns in der Beratung darüber sprechen) oder anderen ist sie unangenehm, z.B. aus Angst vor “Unfällen” mit denen ich mich vor anderen bloßgestellt fühle (auch darüber können wir sprechen: vielleicht lässt sich ein Anwendungsfehler beheben oder ein anderes Produkt funktioniert besser für dich). Das will ich gar nicht beschönigen. Ich möchte nur dazu einladen, mal anders auf den eigenen Körper zu schauen. 

Übrigens vermeide ich hier ganz bewusst, Frauen* anzusprechen, denn nicht alle, die menstruieren, sind Frauen* und nicht alle Frauen* menstruieren.

Ein Blick in die Geschichte

Historisch gesehen wurde Frauen langezeit keine eigenständige Sexualität zugestanden. So kam es bspw. auch, dass Homosexualität zwischen Männern sündig oder sogar strafbar war (und vielerorts noch ist), Sex zwischen Frauen aber kaum der Rede wert (nicht überall!). Die Frau hatte dem Mann beim Sex – in vielen religiösen Traditionen ausschließlich zur Kindszeugung – zur Verfügung zu stehen (sie hat schließlich die „Scheide“ für das Schwert des Mannes…), durfte aber keine Lust empfinden. Im letzten Jahrhundert hat sich hier viel getan. Allerdings tat sich nun auch ein schwieriger Gegensatz auf: Frauen, die gern Sex hatten, galten als nymphoman, Frauen mit weniger Lust auf Sex als frigide. Gar nicht so einfach, da etwas richtig zu machen.

Außerdem wurden viele Frauen dazu erzogen, sich „da unten“ nicht anzufassen. „Es“ galt als schmutzig und böse. Mythen wie die von der „Vagina dentata“, die droht, den Penis mit ihren grässlichen Zähnen abzubeißen, oder Theorien von z.B. Aristoteles, der meinte, dass nur der Mann genügend Energie verfüge, um vollständige Geschlechtsorgane auszubilden, mögen heute lachhaft erscheinen. Doch der Gedanke, dass frau sich für ihren Körper und insbesondere für ihre Geschlechtsorgane schämen müsse, ist vielen noch heute nicht fremd. Denn während Männer selbstverständlich täglich ihre Geschlechtsorgane sehen, ist das für Frauen gar nicht so einfach.

In den 70er Jahren machte die Frauenbewegung die weibliche Selbstuntersuchung mit Spiegel oder Spekulum bekannt. Doch seitdem ist sie wieder in Vergessenheit geraten und so verwundert es nicht, dass Youtube-Videos über Frauen, die zum ersten Mal ihre Vulva sehen, im Internet Wellen schlagen. Solche Videos sollen Mut machen, sich mehr mit dem eigenen Körper zu beschäftigen. Doch unsere von Schönheitsidealen geprägte Gesellschaft macht auch vor Geschlechtsorganen keinen Halt: Noch immer werden Vagina und Vulva in den Medien als eklig, unsauber und mit unangenehmem Geruch dargestellt.

Falsche und echte Schönheiten

Produkte gegen Gerüche und Ausflüsse, aber auch genitale Schönheitsoperationen sind auf dem Vormarsch. In Pornos und Frauenzeitschriften werden digital manipulierte Bilder von Vulven gezeigt, sodass Frauen schnell das Gefühl bekommen, ihre Genitalien seien „abnormal“. Eine Vulva gilt heute als schön, wenn sie unbehaart und straff ist, und wenn die inneren Vulvalippen nicht herausragen. Im Kantonsspital Luzern ist die bisher größte Vulva-Studie der Welt durchgeführt worden. Ein Team von fünf Ärzten hat die Genitalien von 657 Frauen vermessen. Die Unterschiede waren enorm. Auch das Projekt Vulva.Gallery auf Instagram möchte zeigen, dass jede Vulva anders aussieht und einzigartig ist: So, wie die Frau, zu der sie gehört.

Vulva.Gallery

Nennt die Dinge beim Namen!

Doch nicht nur die Bilder sind falsch. Die wenigsten Menschen können die weiblichen Geschlechtsorgane korrekt benennen: Vulva, das äußerlich sichtbare Genital, umfasst Venushügel, äußere und innere Vulvalippen (auch bekannt als „Schamlippen“) und den äußeren Teil der Klitoris. Die Vagina verbindet die Vulva mit dem Muttermund und der Gebärmutter. Die Klitoris ist außerdem ein Kapitel für sich, nämlich eines, dass auch von der Medizin jahrhundertelang ignoriert wurde. Was die meisten Menschen als Klitoris kennen, ist lediglich ihre Eichel, versteckt unter einer kleinen Kapuze, dem Klitorisschaft. Ihre gesamte Form kann mit einer Glockenblume verglichen werden und erinnert im Aussehen an eine Orchideenblüte. Durch 8000 Nervenendungen sorgt die Stimulation der Klitoris für eine wahre Gefühlsexplosion im weiblichen Gehirn. Damit ist die Klitoris empfindlicher als die Zunge und sogar als der Penis, der nur halb so viele Nervenenden hat.

Das klingt nach Aufklärungsunterricht und genau dahin verschieben wir auch gern entsprechende Gespräche mit unseren Kindern. Doch nicht nur das: „Komm, Spatz, wir waschen uns nochmal schnell vorm Schlafen gehen: Gesicht, Achseln, Po und Schnecke“. Eine Lehrerin berichtet, dass ihr Viertklässler*innen zwar Namen wie „Pimmel“, „Pullermann“, „Schniedel(-wutz)“ bzw. „Muschi“, „Mumu“ und „Schnecke“ sagen können, aber Vulva und Penis hören sie teilweise zum ersten Mal. Diese Verniedlichungen nutzen wir wahrscheinlich, weil wir es selbst aus unserer Kindheit so gewöhnt sind. Doch was signalisieren wir unseren Kindern damit? Wir können über alle Körperteile sprechen, aber darüber besser nicht, da ist Scham angesagt. Das ist eine Tabuzone. „Die, deren Name nicht genannt werden darf“, sozusagen.

Deine Vulva ist so schön 🙂

Einen Unterschied machen…

Wenn wir auch vor und mit unseren Kindern die korrekten Begriffe nutzen, ist es leichter, mit ihnen über Gesundheit und Hygiene zu sprechen. Wir zeigen ihnen damit, dass unsere Geschlechtsorgane ganz selbstverständlich gleichwertiger Teil unseres Körpers sind, etwas, womit wir uns genauso wohl fühlen können wie mit unserem Bauchnabel und unseren Zehenspitzen. Etwas, das entdeckt werden darf, ja sogar soll. Indem wir von Penis, Hoden, Vulva und Vagina sprechen, ermöglichen wir den Kindern auch, sich anderen mitzuteilen, z.B. wenn es zu einer sexuellen Belästigung kam. Aber auch wenn sie groß sind: Wer sagt schon der*dem Sexualpartner*in: „Berühr mich bitte an meiner Mumu/meinem Pullermann“? Kein Wunder, dass im Bett oft Sprachlosigkeit und falsche Scham herrschen.

Das Wissen über unsere Geschlechtsorgane, die Art, wie wir von klein an darüber sprechen und ob wir uns nicht nur allgemein, sondern ganz konkret mit unserem eigenen Körper beschäftigen, ihn ansehen, ertasten, lieb haben, verändert nicht nur unser Selbstbild und stärkt unser Selbstbewusstsein. Es ermöglicht uns auch ein erfüllteres Sexleben – für alle Beteiligten 😉

Und wie ist das jetzt mit der Menstruation?

Die ist doch wirklich ein echtes Wunder! Ja, ok, ein Wunder, das manchmal echt nervt. Sie kommt oft dann, wenn wir sie am Wenigstens gebrauchen können. Aber sie ist auch ein Zeichen dafür, dass es uns und unserem Körper gut geht.

Man kann vieles tun, damit die Menstruation nicht zum Störfaktor wird. Sie annehmen und wertschätzen mit all dem Potential für Leben, das in ihr steckt. Und Monatshygieneprodukte nutzen, die uns so wenig wie möglich einschränken, gut für unseren Körper sind und dabei nicht der Umwelt schaden. Komm in meine Beratung und lerne die Vielfalt der Möglichkeiten kennen!

Da ist noch viel Potential – wir machen den Unterschied!